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Der Koffer oder 7 Sachen





von Stephanie Marie Roos
„Da kannst du alles reintun, was du brauchst, wenn du mich besuchen kommst.“, hatte Papa gesagt. Und dann ist er ausgezogen.
Jetzt wohnt Papa alleine.
Leo wollte zusammen mit Mama und Papa in ihrem Haus sein.
„Das geht nicht mehr!“, hatte Mama gesagt.
„Pack deine sieben Sachen, am Wochenende bist du bei mir.“,
hatte Papa am Telefon gesagt und gelacht.
Also packte Leo seine sieben Sachen.
Leo war mit Papa schon in der neuen Wohnung gewesen.
Sie war groß und leer und weiß und kalt. Und Leo hatte dort kein Bett gesehen.
Sein Bett konnte er ja nicht mitnehmen.
Hier war Omas Decke.
Die hatte sie für ihn gestrickt und sie kratzte ein bisschen auf der Haut.
„Da kannst du dich richtig schön einmummeln bis nur noch die Nase herausschaut!“, hatte Oma gesagt.
Also packt Leo die Decke in seinen Koffer.
Koffer und Decke: Eins und zwei.
Leo war nicht wohl bei dem Gedanken, woanders zu schlafen und drückte seinen Teddybären ans Gesicht.
„Der verkloppt alle, die nicht nett zu dir sind!“, hatte Tom gesagt.
Das war Mamas Freund.
Vielleicht verkloppte der Bär ja auch die Monster, die nachts so fürchterliche Geräusche machten?
Also packte Leo zu der Decke den Bären in seinen Koffer.
Eins, zwei und drei.
„Pack noch etwas zum Anziehen ein, Leo!“ rief Mama.
Genau- die neuen Turnschuhe!
„Die sehen schick aus!“, hatte die Emma im Kindergarten gesagt.
Und dann überlegte er, dass, wenn er und Emma dann heiraten würden,
er für sie immer diese Schuhe anziehen würde.
Und sie würden immer zusammen bleiben- Emma und er.
Also packte Leo zu der Decke und dem Bären die Turnschuhe in seinen Koffer.
Eins, zwei, drei und vier und fünf
Jetzt braucht er noch Waschzeug aus dem Badezimmer.
Da war sein Badeschiff!
„Auf diesem Schiff, da bist du der Kapitän!“ hatte Tante Stephanie gesagt.
Leo nahm das Schiff immer mit in die Badewanne.
Ohne Schiff konnte Leo gar nicht baden, denn in der Badewanne waren eklige kleine Löcher unter dem Stöpsel und wenn man den heraus zog, verschluckte die Badewanne das ganze Wasser.
Also packte Leo zu der Decke, den Bären und den Turnschuhen das Schiff in seinen Koffer.
Eins, zwei, drei, vier, fünf und sechs.
Von wem er seine Flasche bekommen hatte, wusste Leo nicht mehr.
Er hatte sie wohl schon immer oder von Mama.
Ohne Flasche konnte Leo gar nicht einschlafen.
Und was dann war, das wollte Leo gar nicht wissen, denn die Nacht war schwarz und riesengroß, wie das Weltall.
Also packte Leo zu der Decke, dem Bären, den Turnschuhen und dem Schiff die Flasche in seinen Koffer.
Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs und sieben.
Jetzt waren es sieben Sachen!
Papa kam am Samstagmorgen und sie fuhren durch die ganze Stadt,
vorbei am Kindergarten, vorbei an Emmas Haus, vorbei am Park.
Und dann kannte Leo die Häuser nicht mehr. Und sie sahen alle gleich aus

„Hast du deinen Koffer gar nicht mitgenommen?“, fragte Papa
Leo erschrak!
Wo war der Koffer mit der Decke, dem Bären, den Turnschuhen, dem Schiff und der Flasche?
Aber In Papas Wohnung duftete es lecker nach
Bratäpfeln mit Honig und Rosinen und Mandeln.
Und die Oma war da.
„Zur Einweihung!“, sagte sie.
Und Leo vergaß, dass die Wohnung groß und leer und weiß und kalt war.
Und dass er nicht wusste, wo sein Koffer und seine 7 Sachen waren.
Am Abend schickte Papa Leo nicht sofort ins Bett.
Leo durfte bei Papa sitzen bleiben und sie schauten fern.
Und wenn da fürchterliche Geräusche aus dem Fernseher kamen,
rutschte Leo ganz nah an Papa heran.
„Das ist alles nicht echt!“ sagte Papa dann und lachte.
Und Leo vergaß, dass sein Bär alle Monster verkloppen sollte, denn das konnte ja auch der Papa machen, wenn´s sein musste.
Und er vergaß auch, dass er nicht wusste,
wo sein Koffer und seine 7 Sachen waren.
Und als Leo ins Bett wollte, sagte Papa:
„Du kannst auch bei mir schlafen, dann bin ich nicht so allein!“
Und die beiden konnten aus dem Fenster im Dach die Sterne sehen.
Und Leo vergaß, dass er seine Decke zum Einmummeln und seine Flasche nicht hatte und dass er nicht wusste, wo sein Koffer und seine 7 Sachen waren und schlief sofort ein.
Am Sonntag half Leo dem Papa die Wohnung zu streichen
und sein eigenes Zimmer durfte er anmalen, wie er wollte.
„Du bist mein großer Junge.“, sagte Papa
Und da vergaß Leo, dass er es schlimm fand, dass Mama und Papa nicht zusammen wohnten
Und dass er nicht wusste, wo sein Koffer und seine 7 Sachen waren.
Als Papa ihn am Montag in den Kindergarten gebracht hatte, da fiel Leo ein, dass er ja gar nicht die Turnschuhe anhatte, die der Emma so gefielen und dass er immer noch nicht wusste, wo sein Koffer und seine 7 Sachen waren.
Aber als Emma vor ihm stand und grinste, da verstand er:
Es war total egal, dass er die Schuhe nicht hatte, denn sie mochte ihn auch ohne Turnschuhe.
„Wie war´s bei deinem Papa?“, fragte Emma.
„Cool! Und ich habe meinen Koffer gar nicht gebraucht!“
„Welchen Koffer?“, fragte Emma.
„Ach, nicht so wichtig!“, antwortete Leo.
Denn jetzt hatte Leo verstanden, dass man die Dinge, die man wirklich braucht, nicht in einen Koffer stecken kann.